
CDR Experience Tour: Erkenntnisse aus Bayern
23. Juni 2026
Wie kann Deutschland bei der CO₂-Entnahme eine führende Rolle einnehmen? Welche Technologien stehen bereits heute zur Verfügung? Und welche Rahmenbedingungen braucht es, damit aus vielversprechenden Projekten eine starke Zukunftsindustrie wird?
Diesen Fragen widmete sich unsere zweite CDR Experience Tour des Deutschen Verbands für negative Emissionen (DVNE), die am 18. und 19. Juni 2026 rund 90 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien in Bayern zusammenbrachte.
An acht Stationen erhielten die Teilnehmenden Einblicke in unterschiedliche Ansätze der CO₂-Entnahme – von Direct Air Capture und Pflanzenkohle über modernes Waldmanagement bis hin zu Enhanced Rock Weathering und Negativemissionen in der Energieinfrastruktur.
Die Debatte hat sich verändert
Eine Erkenntnis zog sich durch nahezu alle Gespräche der Tour: Vor wenigen Jahren stand noch die Frage im Raum, was Carbon Dioxide Removal (CDR) überhaupt ist und ob die Technologien künftig benötigt werden. Heute verschiebt sich die Debatte zunehmend.
Im Mittelpunkt stehen inzwischen andere Fragen: Wie viel CO₂ muss künftig entfernt werden? Wie schnell können die Verfahren skaliert werden? Und welche politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind dafür notwendig?
Ohne CO₂-Entnahme keine Klimaneutralität
Den Auftakt der Tour bildete der Bayerische Landtag. Dort ordneten Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Praxis die Rolle von Carbon Dioxide Removal für die Erreichung der Klimaziele ein. Die wissenschaftliche Botschaft war eindeutig: Klimaneutralität wird nur gelingen, wenn ambitionierte Emissionsminderungen mit einer ambitionierten Skalierung von CO₂-Entnahme kombiniert werden.
„Wir können THG-Neutralität bis 2045 in Deutschland erreichen, aber nur wenn wir erstens hochambitionierte Emissionsreduktion und zweitens hochambitionierte Skalierung von CO₂-Entnahme betreiben.“
Dr. Julia Pongratz, LMU München / CDRterra
CO₂-Entnahme funktioniert bereits heute
Ein zentrales Ziel der Tour bestand darin, CO₂-Entnahme greifbar zu machen. Statt über theoretische Konzepte zu diskutieren, besuchte die Delegation Unternehmen und Projekte, die bereits heute an konkreten Lösungen arbeiten.
Bayerischer Landtag
Eröffnung und wissenschaftliche Einordnung von CDR
Zum Auftakt der Tour standen die wissenschaftlichen Grundlagen von Carbon Dioxide Removal sowie das Zusammenspiel von Regulierung, wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Verantwortung im Mittelpunkt.
Stadtwerke München – Heizkraftwerk Nord
Negative Emissionen in der Müllverbrennung
Im Heizkraftwerk Nord wurde deutlich, welche Rolle Negativemissionen künftig in bestehenden Energieinfrastrukturen spielen können und welche Herausforderungen dabei noch bestehen.
„Wir haben aktuell nicht die regulatorischen Voraussetzungen, um hier unser Projekt für Negativemissionen wirklich starten zu können.“
Ralf Simon Tartsch, Stadtwerke München
Phlair
Direct Air Capture
Bei Phlair stand die direkte Abscheidung von CO₂ aus der Umgebungsluft im Mittelpunkt. Neben der Besichtigung der Anlage diskutierten die Teilnehmenden die Rolle von CDR im EU ETS sowie den Einkauf von CDR-Zertifikaten in der Praxis.
„Wir wollen Weltmarktführer werden mit Direct Air Capture aus Deutschland.“
Malte Feucht, Gründer und CEO von Phlair
Die Aussage verdeutlichte den Anspruch vieler deutscher Unternehmen, eine führende Rolle in einem entstehenden globalen Markt einzunehmen.
Reverion
Biogasverstromung mit Negativemissionen
Reverion zeigte, wie Stromerzeugung und CO₂-Entnahme technisch miteinander verbunden werden können. Die Anlage demonstriert eindrucksvoll, wie sich Energieversorgung und Negativemissionen künftig ergänzen können.
Ein Portfolio statt einer Einzellösung
Ebenso deutlich wurde während der Tour, dass es nicht die eine Technologie geben wird, die den gesamten Bedarf an CO₂-Entnahme decken kann.
Pina Earth
Modernes Waldmanagement
Im Wald zeigte Pina Earth, wie natürliche Kohlenstoffsenken gestärkt und ihre Klimawirkung messbar gemacht werden können.
ÖKT
Herstellung von Pflanzenkohle durch Pyrolyse
Die Teilnehmenden erhielten Einblicke in die Herstellung von Pflanzenkohle als dauerhafte Kohlenstoffspeichertechnologie und diskutierten deren Potenzial für Landwirtschaft und Industrie.
Carbon Drawdown Initiative
Beschleunigte Gesteinsverwitterung
Die Carbon Drawdown Initiative präsentierte ihre Arbeiten zur Enhanced Rock Weathering. Im Mittelpunkt standen die Messung und Verifizierung der tatsächlichen Senkenleistung sowie die Herausforderungen und Chancen einer Skalierung.
Die Tour zeigte eindrucksvoll: Jede Methode besitzt eigene Stärken, Herausforderungen und Anwendungsfelder. Um wirksam, skalierbar und resilient CO₂ zu entfernen, wird ein Portfolio verschiedener Ansätze benötigt.
CO₂-Entnahme als Zukunftsbranche
Neben den technologischen Entwicklungen wurde auch das wirtschaftliche Potenzial der Branche deutlich. Deutschland verfügt über eine starke Forschungslandschaft, innovative Unternehmen und zunehmend spezialisierte Akteure entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Zahlreiche Gespräche machten deutlich, dass sich rund um Carbon Dioxide Removal ein dynamisches Ökosystem entwickelt.
Auch die Abendveranstaltung in der BMW Welt unterstrich diese Entwicklung. Dort diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Industrie, Finanzwirtschaft und Politik, wie CO₂-Entnahme Teil langfristiger Net-Zero-Strategien werden kann. BMW berichtete dabei über den Einkauf hochwertiger CO₂-Entnahmen im Rahmen der eigenen Klimastrategie.
Die Technologien sind da – jetzt braucht es Skalierung
Die Tour machte deutlich, dass die technologischen Grundlagen für CO₂-Entnahme vorhanden sind. Unternehmen entwickeln konkrete Geschäftsmodelle, die Forschung arbeitet an belastbaren Standards, und immer mehr Akteure beschäftigen sich mit der praktischen Umsetzung. Gleichzeitig wurden die Herausforderungen klar benannt: fehlende Infrastruktur, regulatorische Unsicherheiten, offene Finanzierungsfragen und die Notwendigkeit verlässlicher Nachfrage.
Der Bundestagsabgeordnete Julian Joswig fasste diese Entwicklung treffend zusammen:
„Immer mehr Akteure fragen nicht mehr, ob wir CO₂-Entnahmen brauchen, sondern wie wir sie verantwortungsvoll skalieren.“
Die zweite CDR Experience Tour hat gezeigt: CO₂-Entnahme funktioniert bereits heute. Deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen arbeiten an Lösungen entlang eines breiten Portfolios von Methoden. Und das Ökosystem wächst sichtbar.
Die Technologien sind da. Die Unternehmen stehen bereit. Die entscheidende Aufgabe der kommenden Jahre wird nun darin bestehen, die Voraussetzungen zu schaffen, damit aus erfolgreichen Pilotprojekten eine leistungsfähige europäische Zukunftsindustrie werden kann.