
CO₂-Entnahme in der EU voranbringen (1/3)
19. August 2025
Systematisch dauerhafte CO₂-Entnahme in der EU voranbringen (Teil 1/3) – Das Fundament
Technologien wie BECCS (Bioenergie mit CO₂-Abscheidung und -Speicherung), DACCS (Direkte CO₂-Entnahme und -Speicherung aus Atmopshäre) und BCR (CO₂-Entnahme durch Pflanzenkohle) gelten zunehmend als unverzichtbare Ergänzungen zu Emissionsminderungen und natürlichen Senken. Alle IPCC-Pfade zur Begrenzung der Erderwärmung auf unter 2 °C erfordern den Einsatz dauerhafter CO₂-Entnahme im Gigatonnenmaßstab.
Tatsächlich lag die weltweit dauerhaft entfernte CO₂-Menge im Jahr 2023 bei nur 0,004 % der globalen Emissionen. Auch in der EU sind die realisierten Kapazitäten verschwindend gering. Der technologische Fortschritt ist zwar spürbar, doch ohne politische Rückendeckung und gesellschaftliche Akzeptanz werden diese Lösungen nicht den notwendigen Maßstab erreichen.
Dieser Artikel ist der Auftakt einer Reihe, die auf einem systemischen Analyseansatz basiert und sechs zentrale Variablen für eine erfolgreiche Skalierung identifiziert: Legitimität, Reife, öffentliche Wahrnehmung, Qualitätssicherung, Nachfrage und Angebot. Den Anfang macht die entscheidende Frage der Legitimität.
Warum Legitimität der erste systemische Hebel ist
Legitimität, verstanden als politische und gesellschaftliche Daseinsberechtigung, bildet das Fundament jeder Transformation. Ohne sie gibt es keine breite politische Unterstützung, keine gesellschaftliche Akzeptanz und keine Investitionsbereitschaft. Selbst vielversprechende Technologien bleiben wirkungslos, wenn sie nicht als gerechtfertigt, glaubwürdig und notwendig angesehen werden.
Unsere Analyse zeigt: Legitimität beeinflusst alle anderen Variablen und wird umgekehrt auch durch sie gestärkt oder geschwächt. Ein systemischer Ansatz hilft, diese Wechselwirkungen gezielt zu gestalten. Ist Legitimität vorhanden, folgen Vertrauen, politisches Handeln und Investitionen.

Drei zentrale Funktionen permanenter CO₂-Entnahme
Permanente CO₂-Entnahme ist keine beliebige Kompensationsmaßnahme. Sie erfüllt drei eigenständige Funktionen innerhalb langfristiger Klimastrategien:
- Atmosphärische CO₂-Senkung zur aktiven Rückführung bereits emittierten CO₂
- Ausgleich von Restemissionen aus schwer vermeidbaren Sektoren wie Zement, Stahl, Luftfahrt
- Ermöglichung negativer Emissionen, um langfristig Klimaneutralität zu stabilisieren oder temporäre Überschreitungen zu korrigieren
Wichtig ist: diese Funktionen sind komplementär zu Emissionsminderungen und naturbasierten Maßnahmen – nicht ersetzend.
Wirtschaftliche Chancen: dauerhafte CO₂-Entnahme als strategischer Wachstumspfeiler
Dauerhafte CO₂-Entnahme kann mehr leisten als bloße Dekarbonisierung. Sie kann zum industriellen Zukunftsfeld werden. Eine Studie von BCG und der DVNE schätzt das volkswirtschaftliche Potenzial in der EU bis 2050 auf bis zu 733 Mrd. Euro und 670.000 neue Arbeitsplätze.
Gerade Europas Anlagenbau, Forschung und regulatorische Erfahrung bieten einen Standortvorteil. Doch dieses Potenzial bleibt ungenutzt, solange kein klares politisches Signal gesendet wird und solange der Einsatz nicht als glaubwürdig gilt.
Glaubwürdig nur mit klaren Grenzen: Das Risiko der Reduktionsverzögerung
Ein zentrales Risiko für die Legitimität ist das Phänomen der „Mitigation Deterrence“ – also die Gefahr, dass der Einsatz von oder die Aussicht auf CO₂-Entnahme zu verringerten oder verzögerten Emissionsminderungen führt.
Solche Risiken entstehen etwa durch:
- Verschiebung von Investitionen in Emissionsminderungen aufgrund übermäßigen Vertrauens in Zukunftstechnologien
- Unzureichende Qualitätsstandards für CO₂-Entnahmeverfahren
- Nicht nachhaltige Nutzung oder konkurrierende Ansprüche auf Ressourcen wie Biomasse und erneuerbare Energien
Diese Bedenken müssen ernst genommen und durch wirksame Leitplanken adressiert werden.
Politische Lücken: Permanente CO₂-Entnahme bleibt unsichtbar
Trotz wachsender Aufmerksamkeit fehlt es in der EU-Klimapolitik an klarer Verankerung:
- Die Nationally Determined Contributions (NDCs) der EU Mitgliedsstaaten, die im Rahmen des Pariser Abkommens eingereicht werden, sowie die EU-Klimagesetzgebung (European Climate Law) setzen zwar Netto-Null-Ziele, unterscheidet aber nicht zwischen natürlichen Senken und dauerhafter CO₂-Entnahme.
- Die Nationalen Energie- und Klimapläne (NECPs) der Mitgliedstaaten, die zur Umsetzung der NDCs und der EU-Klimagesetzgebung dienen, enthalten bislang kaum konkrete Maßnahmen oder Ziele für dauerhafte CO₂-Entnahme.
Diese Unsichtbarkeit erschwert Planungssicherheit, Investitionsentscheidungen und die Nachfrage nach dauerhafter CO₂-Entnahme.
Empfehlung: Ein Ziel-Dreiklang für klare Steuerung
Um die Legitimität dauerhaft wirksamer CO₂-Entnahme zu stärken, braucht es eine differenzierte Zielarchitektur:
- Ziele für Emissionsminderung
- Ziele für temporäre Senken (z. B. Wald, Böden)
- Ziele für dauerhafte CO₂-Entnahme
Dieser Ziel-Dreiklang schafft die Grundlage für zielgerichtete Instrumente, minimiert Zielkonflikte und signalisiert: Alle Komponenten werden ernst genommen – jede mit ihrer spezifischen Rolle.
Fazit: Legitimität als Fundament der politischen Ökonomie
Die Daseinsberechtigung dauerhafter CO₂-Entnahme liegt in drei zentralen Funktionen: Sie senkt den CO₂-Gehalt der Atmosphäre, gleicht schwer vermeidbare Restemissionen aus und stabilisiert langfristig Klimaneutralität. Richtig eingesetzt, kann sie zugleich zum wirtschaftlichen Pfeiler europäischer Industriepolitik werden mit Potenzial für Innovation, Arbeitsplätze und technologischen Vorsprung.
Doch dieses Potenzial bleibt ungenutzt, solange Vertrauen fehlt. Ein zentrales Risiko ist die sogenannte Mitigation Deterrence – also die Sorge, dass CO₂-Entnahme Emissionsminderungen ersetzt oder verzögert. Diese Befürchtung ist berechtigt und verlangt nach klaren Leitplanken.
Bislang fehlt ein verbindlicher politischer Rahmen: NDCs, EU-Klimagesetzgebung und NECPs erwähnen CO₂-Entnahme oft nur allgemein – und differenzieren nicht zwischen temporären und permanenten Senken. Ein wirksames Instrument zur Stärkung der Legitimität wäre eine eigene Ziel- und Bilanzierungslogik mit getrennten Zielen für Emissionsminderung, temporäre und permanente Senken.
Schließlich ist Legitimität das Fundament für politische Mehrheiten, gesellschaftliche Akzeptanz und Investitionsbereitschaft. Ohne sie bleibt jede Strategie fragmentiert. Mit ihr entsteht ein robuster Rahmen für dauerhafte CO₂-Entnahme als wirksames Klimainstrument.
Im nächsten Teil dieser Serie geht es um Reife, öffentliche Wahrnehmung und Qualitätssicherung – und darum, wie diese drei Variablen die Bausteine zwischen Legitimität und funktionierenden Märkten bilden.
Dieser Artikel basiert auf der Masterarbeit von Ole von Wendorff mit dem Titel „Scaling Up Permanent Carbon Dioxide Removal: Can Policies Unlock a Large-Scale Deployment in the EU?“, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Verband für negative Emissionen (DVNE) verfasst wurde.
Scaling Up Permanent Carbon Dioxide Removal: Can Policies Unlock a Large-Scale Deployment in the EU?
Master Thesis by Ole von Wendorff, 2025