Mallorca Philipp Rupp

EU-Emissionshandel: Marktdurchbruch für CDR

22. Juli 2026

250 Mio Tonnen bis 2040: Der Marktdurchbruch für CO₂-Entnahme ist da

Mit ihrem Vorschlag zur Reform des EU-Emissionshandels (EU-ETS) hat die Europäische Kommission einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Erstmals soll Carbon Dioxide Removal (CDR) Teil des europäischen Emissionshandels werden. Damit entsteht die Grundlage für einen europäischen Compliance-Markt für hochwertige CO₂-Entnahmen – und ein völlig neuer Rahmen für Investitionen in negative Emissionen.

Reform des EU-Emissionshandels

Bis zu 250 Millionen Tonnen dauerhaftes, inländisches Carbon Dioxide Removal sollen zwischen 2030 und 2040 in den EU-ETS integriert und dort gehandelt werden. Die Europäische Kommission schlägt einen zentralen Ankaufmechanismus vor, der einem klaren Qualitätsrahmen folgt. Für den DVNE ist dies der Startschuss für den Hochlauf von Carbon Dioxide Removal in Europa. Gleichzeitig zeigt der Vorschlag auch, an welchen Stellen in den kommenden Verhandlungen noch nachgeschärft werden muss.

Warum dieser Vorschlag eine große Bedeutung hat

Die Europäische Kommission erteilt Carbon Dioxide Removal damit den klimapolitischen Ritterschlag. CO₂-Entnahme ist ein essenzieller Bestandteil des europäischen Klimaschutzes. Bislang wurde der Hochlauf von CO₂-Entnahmen vor allem über freiwillige Kohlenstoffmärkte finanziert. Mit dem ETS-Vorschlag eröffnet die EU nun erstmals die Perspektive auf einen regulatorischen Markt mit einer langfristigen Nachfrage nach hochwertigen CO₂-Entnahmen.

Für Projektentwickler, Investoren und Unternehmen bedeutet das deutlich mehr Planungssicherheit. Wo künftig eine verlässliche Nachfrage entsteht, können Geschäftsmodelle entstehen. Und wo Geschäftsmodelle entstehen, werden Investitionen in großem Maßstab möglich. Genau deshalb markiert der Vorschlag einen möglichen Wendepunkt für Carbon Dioxide Removal in Europa.

Wie soll der neue Markt funktionieren?

Kern des Vorschlags ist die schrittweise Integration dauerhafter CO₂-Entnahmen in den europäischen Emissionshandel. Zwischen 2030 und 2040 sollen bis zu 250 Millionen Tonnen dauerhaftes, inländisches Carbon Dioxide Removal berücksichtigt werden. Zum Start sollen ausschließlich CRCF-zertifizierte DACCS- und BioCCS-Projekte zugelassen werden. Eine Öffnung für weitere CDR-Verfahren bleibt im weiteren politischen Prozess und im Rahmen künftiger Iterationsschleifen möglich.

Die Europäische Kommission soll diese CO₂-Entnahmen künftig zentral beschaffen. Dafür sollen zusätzliche Emissionszertifikate (EUAs) ausgegeben werden. Die Erlöse aus deren Versteigerung finanzieren anschließend den Ankauf hochwertiger CO₂-Entnahmen. Vorgesehen ist dabei ein kostenoptimierter Portfolio-Ansatz nach dem Prinzip „Payment upon Delivery“. Mit der Kombination aus Qualitätsstandards, öffentlichem Ankauf und langfristiger Nachfrage entsteht erstmals ein konkreter Mechanismus für einen europäischen Compliance-Markt für Carbon Dioxide Removal.

Pressekonferenz der Europäischen Kommission
Die Pressekonferenz der Europäischen Kommission am 17. Juli 2026 in Brüssel.

Weitere Anpassungen des EU-ETS

Neben der Integration von CO₂-Entnahmen enthält der Kommissionsvorschlag zahlreiche weitere Änderungen am EU-ETS. Dazu gehören unter anderem:

  • ein langsamer sinkender ETS-Cap und eine Fortführung des Emissionshandels über 2040 hinaus,
  • eine Anpassung des linearen Reduktionsfaktors (LRF),
  • die Reform der Marktstabilitätsreserve (MSR),
  • die Einrichtung einer Industrial Decarbonisation Bank ab 2028,
  • die Verpflichtung der Mitgliedstaaten, mindestens 50 Prozent ihrer ETS-Einnahmen in Dekarbonisierung zu investieren,
  • die schrittweise Aufnahme kommunaler Müllverbrennungsanlagen in den EU-ETS.

Diese Maßnahmen sollen die Dekarbonisierung der europäischen Industrie unterstützen und gleichzeitig den Hochlauf klimafreundlicher Technologien beschleunigen.

Die Bewertung des DVNE

Positiv

Der DVNE begrüßt den Vorschlag der Europäischen Kommission ausdrücklich.

  • Mit der geplanten Integration dauerhafter CO₂-Entnahmen in den EU-ETS schafft die Europäische Kommission aus Sicht des DVNE die Grundlage für einen europäischen Compliance-Markt.
  • Das vorgeschlagene Volumenziel von bis zu 250 Millionen Tonnen bis 2040 schafft eine wichtige Orientierung für den Markthochlauf und sendet ein starkes Investitionssignal an Projektentwickler, Investoren und Abnehmer.
  • Positiv bewertet der DVNE insbesondere die Schaffung eines zentralen europäischen Ankaufmechanismus für CRCF-zertifizierte CO₂-Entnahmen auf Basis eines Portfolio-Ansatzes.
  • Ebenso begrüßen wir die Verknüpfung mit dem Carbon Removal Certification Framework (CRCF), das einen gemeinsamen Qualitätsrahmen für Integrität und Transparenz schafft.

Nachbesserungsbedarf

Gleichzeitig sieht der Verband bei mehreren Punkten Änderungs- und Klärungsbedarf.

  • Der DVNE setzt sich weiterhin für einen technologieoffenen Ansatz ein. Die Integration sollte langfristig alle hochwertigen CDR-Verfahren berücksichtigen, sofern diese durch robuste Monitoring-, Verifizierungs- und Haftungsmechanismen abgesichert sind.
  • Wir fordern die frühzeitige Anerkennung von Biochar Carbon Removal als dauerhaftes CO₂-Entnahmeverfahren unter dem Carbon Removal Certification Framework (CRCF) ein. Die Anforderungen an Monitoring, Berichterstattung, Verifizierung und Haftung wurden dafür bereits im Delegierten Rechtsakt (EU) 2026/285 festgelegt.
  • Wir fordern darüber hinaus auch klare Perspektiven für die Anerkennung und Finanzierung naturbasierter CO₂-Entnahmeverfahren in zukünftigen, weiteren Compliance-Märkten.
  • Ergänzende Finanzierungsmechanismen sind notwendig, um CDR-Projekte bereits vor der ersten gelieferten Tonne CO₂ wirtschaftlich realisieren zu können.
  • Auch die mögliche Anrechnung internationaler Zertifikate darf die Wirkung inländischer Klimaschutzmaßnahmen nicht abschwächen. Es braucht schnell Klarheit über Qualitäts- und Integritätsanforderungen. Zudem sollten Removal-Zertifikate gegenüber Vermeidungs- beziehungsweise Avoidance-Zertifikaten priorisiert werden.
  • Insgesamt führen die vorgeschlagenen Änderungen zu einer deutlichen Flexibilisierung des EU-ETS. Entscheidend ist daher, dass der Emissionshandel seine Funktion als zentrales Instrument zur Erreichung der europäischen Klimaziele behält und weiterhin wirksame Anreize sowohl für Emissionsminderungen als auch für hochwertige CO₂-Entnahmen setzt.

Wie geht es jetzt weiter?

Der Vorschlag der Europäischen Kommission ist der Auftakt des europäischen Gesetzgebungsverfahrens. Nun beraten das Europäische Parlament und der Rat der Europäischen Union über die ETS-Revision. Die irische Ratspräsidentschaft strebt noch in diesem Jahr eine gemeinsame Position der Mitgliedstaaten an. Eine politische Einigung könnte im ersten Quartal 2027 erzielt werden. Bis dahin wird sich entscheiden, wie der künftige europäische Markt für CO₂-Entnahmen konkret ausgestaltet wird.

Fazit

Die ETS-Revision ist weit mehr als eine technische Anpassung des europäischen Emissionshandels. Erstmals schlägt die Europäische Kommission einen konkreten Mechanismus vor, um Carbon Dioxide Removal in einen regulatorischen Markt zu integrieren.

Für den Hochlauf negativer Emissionen in Europa wäre das ein Paradigmenwechsel: weg von einer nahezu ausschließlichen Finanzierung über freiwillige Märkte, hin zu einem europäischen Compliance-Markt mit langfristigen Nachfrageimpulsen.

Ob daraus tatsächlich der angekündigte Marktdurchbruch für CO₂-Entnahmen entsteht, wird sich in den kommenden Verhandlungen zeigen. Ein starkes ETS mit steigenden Preisen ist essenziell, um weiterhin Dekarbonisierungs-Druck zu erzeugen. Ohne diesen Druck entstehen auch keine Anreize für CDR. Fest steht: Carbon Dioxide Removal ist in der europäischen Klimapolitik angekommen.

Open Publication

European Commissions Proposal

European Commission proposal for a reform of the EU ETS from 17 July 2026