Mallorca Philipp Rupp

CDR im EU-ETS: Chance auf neue Industrie

23. September 2026

Mit ihrem Vorschlag zur Reform des EU-Emissionshandels hat die Europäische Kommission im Juli die Grundlage für einen europäischen Markt für dauerhafte CO₂-Entnahme geschaffen. Jetzt kommt es auf die Ausgestaltung an. Der DVNE fordert sechs Änderungen, damit der geplante Ankauf tatsächlich 250 Millionen Tonnen CO₂-Entnahme bis 2040 ermöglicht. Die Entscheidung betrifft den Klimaschutz – und die Frage, ob eine neue Industrie mit nachhaltiger Wertschöpfung und wertvollen Arbeitsplätzen in Europa wächst.

Der Vorschlag muss einen funktionierenden Markt schaffen

Eu-ETS-Reform, Integration CDR

Die Europäische Kommission will dauerhafte CO₂-Entnahmen erstmals in großem Maßstab über den EU-Emissionshandel (EU-ETS) finanzieren. Zwischen 2031 und 2040 sollen 250 Millionen zusätzliche Emissionsberechtigungen versteigert werden. Mit den Erlösen soll die EU eine entsprechende Menge dauerhaft entnommenes CO₂ zentral ankaufen. Die jährliche Beschaffung soll bis 2040 auf rund 48 Millionen Tonnen steigen. Damit eröffnet sich für Carbon Dioxide Removal (CDR) die Perspektive auf eine langfristige Nachfrage jenseits des freiwilligen Kohlenstoffmarkts.

Der DVNE hat den Vorschlag im Juli als möglichen Marktdurchbruch für CO₂-Entnahme begrüßt. An dieser Bewertung hält der Verband fest. Nun kommt es auf die Umsetzung an: Welche Regeln braucht es genau, damit aus dem politischen Signal schließlich dauerhaft entnommene Tonnen CO₂ werden? Nach dem bisherigen Kommissionsvorschlag soll zunächst die EU als zentrale Käuferin auftreten. ETS-pflichtige Unternehmen können Entnahmezertifikate nicht allgemein selbst erwerben und auf ihre Abgabepflicht anrechnen.

Warum Europa diese Industrie braucht

CO₂-Entnahme ist notwendig, um verbleibende Emissionen auf dem Weg zur Klimaneutralität auszugleichen und um die Temperaturkurve nach dem Overshoot zurückzubiegen (Entfernung historischer Emissionen). Der CDR-Hochlauf bietet zugleich eine wirtschaftliche Perspektive. Rund um Entnahmeverfahren, Anlagen, Speicherung und Dienstleistungen können neue Unternehmen und Lieferketten entstehen. Für Deutschland und Europa, die ihre Abhängigkeit von fossilen Energieträgern überwinden und etablierte Industrien wie die Automobilwirtschaft weiterentwickeln müssen, ist das eine wichtige, riesige Chance.

„Deutschland und Europa brauchen dringend eine Antwort auf die Frage nach zukunftsfähiger Wertschöpfung und nachhaltigen Arbeitsplätzen. Unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern muss enden und große Sektoren wie die Automobilindustrie sind im Umbruch. Eine starke CDR-Industrie kann Teil der Antwort sein. Ob sie hier wächst, hängt auch davon ab, wie wir den EU-Emissionshandel jetzt gestalten.“

Stefan Schlosser, Geschäftsführer des DVNE

Dieses Potenzial realisiert sich nicht von selbst. Projekte mit langen Planungs- und Bauzeiten brauchen verlässliche Nachfrage und eine Finanzierung, die vor der ersten gelieferten Tonne trägt. Ob der EU-ETS diese Voraussetzungen schafft, entscheidet mit darüber, ob die neue Industrie in Europa aufgebaut wird. Der DVNE schlägt dafür sechs konkrete Änderungen am Kommissionsvorschlag vor:

1) 250 Millionen Tonnen verbindlich machen

Die Versteigerung von 250 Millionen Emissionsberechtigungen ist noch keine rechtliche Verpflichtung, auch 250 Millionen Tonnen CO₂ dauerhaft zu entnehmen. Der DVNE fordert deshalb, die Lieferung dieser Menge bis 2040 ausdrücklich im Gesetz festzuschreiben. Die Berechtigungen wären das Mittel zu ihrer Finanzierung. Für Projektentwickler würde aus einem angekündigten Beschaffungsvolumen so eine belastbarere Grundlage für langfristige Investitionen.

2) Alle permanenten Verfahren zulassen

Der Kommissionsvorschlag nennt zunächst Bioenergie mit CO₂-Abscheidung und Speicherung sowie die direkte Entnahme aus der Luft mit anschließender Speicherung. Der europäische Zertifizierungsrahmen für CO₂-Entnahme (CRCF) erkennt jedoch auch weitere Verfahren als permanent an, darunter die Speicherung von Kohlenstoff in Pflanzenkohle. Der DVNE fordert, alle nach dem CRCF als permanent zertifizierten Methoden zuzulassen – einschließlich künftig anerkannter Verfahren. Einheitliche Qualitätsanforderungen sollen darüber entscheiden, welche CO₂-Entnahmen in den Mechanismus gelangen. Technologieoffenheit kann den Wettbewerb stärken und den industriellen Hochlauf auf mehr Regionen Europas verteilen.

3) Die Preislücke schließen

Dauerhafte CO₂-Entnahme kostet derzeit häufig mehr, als der Verkauf einer Emissionsberechtigung einbringt. Die zehn Millionen Berechtigungen, die der Kommissionsvorschlag als Reserve für diese Preislücke vorsieht, reichen nach Einschätzung des DVNE nicht als alleinige Lösung. Der Verband fordert, CO₂-Entnahme für Carbon Contracts for Difference über die geplante Industrial Decarbonisation Bank zu öffnen. Solche Differenzverträge könnten den Abstand zwischen den Kosten einer entnommenen Tonne und dem ETS-Preis ausgleichen. Nicht genutzte Mittel aus dem vorgesehenen Fonds für internationale Credits sollen außerdem vorrangig in das europäische Entnahmeprogramm fließen.

4) Abnahmeverträge schon 2029 ermöglichen

Große neue Anlagen brauchen nach der Investitionsentscheidung drei bis fünf Jahre bis zur ersten Lieferung. Werden langfristige Abnahmeverträge erst mit Beginn des zentralen Ankaufs 2031 geschlossen, könnten die ersten Tonnen aus diesen Projekten entsprechend spät eintreffen. Der DVNE fordert daher Verträge ab 2029 und einen delegierten Rechtsakt, der dies binnen zwölf Monaten nach Inkrafttreten der Reform ermöglicht. Der Aufbau der Anlagen muss beginnen können, bevor die EU die entnommenen Tonnen benötigt.

5) Einen direkten Kaufweg öffnen

Ergänzend zum zentralen Ankauf sollen ETS-Unternehmen dauerhaft zertifizierte CO₂-Entnahmen auch direkt erwerben können. Der DVNE schlägt dafür eine klare Grenze vor: höchstens ein Prozent der jährlichen Abgabepflicht eines Unternehmens. Jede so genutzte Tonne würde vom zentralen 250-Millionen-Tonnen-Programm abgezogen; die entsprechende Emissionsberechtigung müsste gelöscht werden. Damit entstünde ein weiterer Käuferkreis, ohne zusätzlichen Emissionsspielraum zu schaffen. Zugleich könnten Unternehmen und Anbieter direkte Geschäftsbeziehungen aufbauen.

6) Eine Perspektive über 2040 hinaus schaffen

Das vorgeschlagene Programm endet 2040. Anlagen für dauerhafte CO₂-Entnahme werden jedoch häufig mit Abnahmeverträgen über zehn bis fünfzehn Jahre finanziert. Ohne eine Perspektive für die Zeit danach könnte es schon vor 2040 schwierig werden, neue Projekte unter Vertrag zu nehmen. Der DVNE fordert deshalb, die für 2034 vorgesehene Überprüfung mit einem Gesetzgebungsvorschlag für die Zeit nach 2040 zu verbinden. Dieser soll auch den Emissionshandel für Gebäude und Straßenverkehr, ETS2, berücksichtigen.

Weitere Fragen für das Gesetzgebungsverfahren

Bei internationalen Credits fordert der DVNE Anforderungen an Dauerhaftigkeit, Zusätzlichkeit und Nachverfolgbarkeit, die mindestens so hoch sind wie die Vorgaben des CRCF für europäische Anbieter. Innerhalb dieses Qualitätsrahmens sollen CO₂-Entnahmen Vorrang vor Zertifikaten für vermiedene Emissionen haben und den Großteil der gekauften Menge ausmachen.

Auch Carbon Farming soll nach Auffassung des DVNE nicht dauerhaft vom EU-ETS ausgeschlossen bleiben. Soll damit eine fossile Emission ausgeglichen werden, muss die Wirkung allerdings entsprechend dauerhaft abgesichert sein. Der DVNE fordert, mögliche Garantiesysteme bis zur Überprüfung 2034 zu untersuchen und zuvor zu erproben. Erst wenn ein solcher Mechanismus besteht und getestet ist, sollen entsprechende Einheiten für diesen Zweck zugelassen werden.

Die EU hat den möglichen Markthochlauf für dauerhafte CO₂-Entnahme eingeleitet. Jetzt beraten Parlament und Mitgliedstaaten darüber, ob der Mechanismus die versprochenen Mengen tatsächlich liefern kann. Von diesem Ergebnis hängt auch ab, ob Europa die Chance nutzt, aus einer klimapolitischen Notwendigkeit eine zukunftsfähige Industrie zu entwickeln.

Joint Statement der europäischen CDR-Verbände

In einem gemeinsamen Positionspapier begrüßen die europäischen CO₂-Entnahme-Verbände DVNE (Deutschland), NEP (Europa), AFEN (Frankreich), NCRA (Dänemark, Norwegen, Schweden, Island, Finnland) und RIRC (Italien), die zusammen mehr als 170 Unternehmen und Organisationen vertreten, den Vorschlag der Kommission. Gleichzeitig fordern sie stärkere Maßnahmen, damit das EU-ETS die Größenordnung an dauerhafter CO₂-Entnahme ermöglichen kann, die Europa benötigen wird.

Open Publication

Europe’s chance to lead the world in CDR

The integration of permanent carbon removal into the EU Emissions Trading System (ETS) could be a game changer for Europe’s industries, and its emerging carbon removal industry.