Mallorca Philipp Rupp

In Marzahn wird CO2 aus der Luft gefiltert 

14. April 2026

Das DVNE-Mitglied Ucaneo baut in Berlin-Marzahn eine der größten industriellen Anlagen für direkte CO2-Abscheidung in Europa. Sie wird jährlich bis zu 150 Tonnen CO₂ direkt aus der Umgebungsluft entnehmen. Wir haben mit dem Gründer Florian Tiller und der Gründerin Carla Glassl dazu gesprochen.

Mit erneuerbarer Energie CO2 effizient aus der Luft filtern und so die Erderwärmung stoppen – das ist simpel formuliert das Ziel der Ucaneo GmbH mit Sitz in Berlin.

Bei der sogenannten direkten CO₂-Abscheidung und -Speicherung aus der Luft (englisch „Direct Air Carbon Capture and Storage“, DACCS oder DAC) wird Kohlendioxid mit Filtersystemen direkt aus der Umgebungsluft entfernt.

Das abgeschiedene CO₂ kann dann beispielsweise unterirdisch in geologischen Formationen gespeichert oder zur Herstellung von Produkten wiederverwendet werden. Obwohl Kosten und Energiebedarf nach wie vor eine Herausforderung darstellen, findet eine rasante Innovation in Richtung eines skalierbaren Einsatzes statt.

Die Grundsteinlegung für eure DAC-Anlage in Marzahn war im September 2025. Wie gehen die Arbeiten voran?

Die Arbeiten verlaufen insgesamt sehr gut. Wer aktuell an unserem Standort in Berlin-Marzahn vorbeikommt, sieht bereits die Halle für unsere Anlage. Natürlich gibt es bei so einem Projekt immer ein paar unberechenbare Faktoren – in unserem Fall zum Beispiel das Berliner Winterwetter. Das hat uns zwischenzeitlich eine kleine Pause verordnet. Aber damit muss man rechnen, wenn man im Februar in Deutschland baut. Unterm Strich liegen wir im Plan – und das Wichtigste: Unser Eröffnungstermin am 2. Juli steht. Bis dahin wird die Anlage bereit sein, CO₂ aus der Luft zu holen.

Wie unterscheidet sich die Ucaneo-Methode von anderen DAC-Anlagen?

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Wir nutzen eine innovative Kombination aus Elektrochemie und (bio)katalytischen Lösungsmitteln, inspiriert von der Funktionsweise der menschlichen Lunge. Bei klassischen Methoden wird CO₂ mit einer Art chemischem Schwamm gebunden und unter sehr hohen Temperaturen wieder herausgelöst. Wir hingegen blubbern CO₂ in unsere Lösung ein (ähnlich wie Sprudelwasser) und wieder heraus, gesteuert durch den pH-Wert der Lösung.

So können wir bei Raumtemperatur arbeiten, benötigen deutlich weniger Energie und können unsere Anlagen flexibel mit erneuerbaren Energien betreiben. Viele unserer Komponenten stammen aus bewährten Industrien wie der Wasseraufbereitung, was Kosten senkt und eine schnelle Skalierung unserer Technologie ermöglicht.

Direct Air Capture hat den Ruf, viel Energie zu verbrauchen. Ist das ein lösbares Problem? Eignet sich DAC für den Einsatz in Deutschland?

Ja, das ist zwar eine große Herausforderung, aber sie ist lösbar. Viele DAC-Technologien brauchen große Hitze, die unter anderem aus fossilen Quellen stammt.

Unsere Technologie dagegen funktioniert rein elektrochemisch bei Raumtemperatur und nutzt nur Strom. Damit können wir CO₂ genau dann entfernen, wenn überschüssige Wind- und Solarenergie verfügbar sind. Das macht DAC deutlich effizienter – und gerade für das Energienetz in Deutschland sehr passend.

Was sind eure nächsten strategischen Milestones? Was wird bei Ucaneo in nächster Zeit passieren?

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Neben dem laufenden Bau unserer 150-Tonnen-Anlage in Berlin-Marzahn arbeiten wir parallel bereits am Design einer deutlich größeren Anlage, die 1.000 bis 1.500 Tonnen CO2 pro Jahr aus der Atmosphäre entfernen kann.

Danach kommt der große Hebel: Wir lizenzieren unsere Technologie. Im Grunde wie McDonald’s seine Restaurants franchised, nur eben für Klimaschutz. So könnten in den nächsten 5–10 Jahren hunderte Anlagen weltweit entstehen.

Was hat es mit eurem Besuchercampus in Berlin auf sich? Wann werdet ihr eröffnen?

Wir wollen einen Ort schaffen, an dem man unsere Direct Air Capture-Anlage erleben und verstehen kann. Wir wollen den Gästen CO2-Entnahme zum Anfassen bieten. Eröffnung ist Mitte 2026. Der Campus in Marzahn ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Aus der Innenstadt braucht man etwa 20 bis 30 Minuten bis hierher.

Was würdet ihr abschließend gerne vermitteln? Was ist eure wichtigste Botschaft?

Lasst uns gemeinsam optimistisch sein und daran arbeiten, worin wir wirklich gut sind. Deutschland ist das Land des Maschinen- und Anlagenbaus. Wir müssen weg vom Gefühl der Ohnmacht: Wir können CO₂ sauber, zuverlässig und – mit der richtigen Kopplung an erneuerbare Energien – auch bezahlbar aus der Luft holen.

Wenn wir mutig bleiben, schnell bauen und groß denken, wird DAC zu einem echten Pfeiler für den Klimaschutz und kosteneffiziente, sichere Produktionsketten. Unsere Mission bleibt simpel: die Atmosphäre aufräumen, Wertschöpfungsketten dekarbonisieren und robuster machen. Tonne für Tonne.

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Ucaneo-Founder Carla Glassl und Florian Tiller

Was in Berlin-Marzahn entsteht, ist mehr als nur eine einzelne Anlage. Es ist ein Ausblick darauf, wie CO₂-Entnahme Teil einer alltäglichen Klimainfrastruktur werden kann. Mit diesem Projekt macht Ucaneo einen konkreten Schritt hin zur Skalierung von Direct Air Capture in Europa. Ob und wie schnell solche Technologien einen Beitrag im großen Maßstab leisten können, hängt von weiterer Innovation, geeigneten politischen Rahmenbedingungen und der Marktentwicklung ab. Doch die Richtung ist klar: CO₂-Entnahme entwickelt sich vom Konzept zur Realität.

Fotos und Videos: Carl Bahra