
Lisa Mangertseder: Die Evolution von CDR
26. Oktober 2026
Nach mehr als drei Jahren im Vorstand des DVNE blickt unsere ehemalige stellvertretende Vorstandsvorsitzende Lisa Mangertseder auf die Entwicklung von Carbon Dioxide Removal (CDR) zurück. Im Interview spricht sie über die zunehmende Professionalisierung des Marktes, die Bedeutung politischer Rahmenbedingungen und ihre neue Aufgabe bei SIX.
Als Lisa Mangertseder ihre Arbeit im Vorstand des DVNE aufnahm, war CO₂-Entnahme in der öffentlichen und politischen Debatte noch weitgehend unbekannt. Heute steht CDR auf der europäischen Klimaagenda: Die Europäische Kommission hat vorgeschlagen, dauerhafte CO₂-Entnahmen in den EU-Emissionshandel (EU ETS) zu integrieren.
Lisa hat diese Entwicklung als stellvertretende Vorstandsvorsitzende des DVNE über mehr als drei Jahre begleitet und die Arbeit unseres Verbands mitgestaltet. Inzwischen hat sie ihr Vorstandsamt niedergelegt und ist als Senior Business Development Manager für Carbon Markets bei SIX tätig.
Wir haben mit ihr über die Veränderungen im CDR-Markt, die verbleibenden Herausforderungen und die Verbindung zwischen ihrer bisherigen Verbandsarbeit und ihrer neuen Aufgabe gesprochen.
Was hat sich bei Carbon Dioxide Removal (CDR) während deiner Zeit als stellvertretende Vorstandsvorsitzende des DVNE am stärksten verändert?
Die größte Veränderung, die ich beobachtet habe, ist, dass sich CO₂-Entnahme zunehmend von einem Nischenmarkt entfernt und in bestehende Wirtschaftssysteme und Wertschöpfungsketten integriert wird.

Vor einigen Jahren konzentrierten sich die Diskussionen vor allem auf die Technologien zur CO₂-Entnahme selbst. Heute geht es zunehmend darum, wie CDR in umfassendere Dekarbonisierungsstrategien verschiedener Sektoren eingebettet werden kann, um zusammenhängende Ökosysteme aufzubauen. Das sehen wir beispielsweise im Bauwesen, in der Landwirtschaft, in der Abfallwirtschaft, im Energiesektor und im Finanzwesen.
Der Finanzsektor ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung: Als ich zum DVNE kam, war der CDR-Markt weitgehend durch fragmentierte außerbörsliche Transaktionen zwischen einzelnen Käufern und Projektentwicklern geprägt. Jede Transaktion erforderte umfangreiche Due-Diligence-Prüfungen, individuell ausgehandelte Verträge und projektspezifische Bewertungen.
Heute beobachten wir zunehmend das Entstehen von Intermediären, wie wir sie aus den Finanzmärkten kennen. Standardisierungsorganisationen, Register, Prüfstellen, Versicherer, Broker, Regulierungsbehörden, Marktplätze und Infrastrukturanbieter arbeiten daran, mehr Transparenz, Vergleichbarkeit und Vertrauen zu schaffen. Diese Voraussetzungen sind notwendig, um von isolierten bilateralen Transaktionen zu einem stärker strukturierten Markt zu gelangen.
Die Entwicklungsrichtung ist klar: Die Marktteilnehmer treiben den Übergang von einzelnen bilateralen Geschäften zu einem strukturierten Markt mit verbessertem Risikomanagement, höherer Liquidität und Zugang zu institutionellem Kapital voran.
So weit sind wir noch nicht. Aber dieser Übergang wird entscheidend sein, um einen finanzierbaren, qualitativ hochwertigen Kohlenstoffmarkt zu schaffen und langfristig auch Finanzprodukte auf Basis von CO₂-Entnahme zu ermöglichen, bei denen Eigentumsverhältnisse und Haftungsfragen eindeutig geregelt sind.
Meine wichtigste Beobachtung ist, dass politische Rahmenbedingungen und die Nachfrage von Käufern zugleich die wichtigsten Treiber und die größten Engpässe des Sektors bleiben. Das Tempo der Marktentwicklung wird weniger durch den technologischen Fortschritt begrenzt als durch die Geschwindigkeit, mit der sich politische Vorgaben, Standards und Marktstrukturen weiterentwickeln.
Und damit ist CDR keine Ausnahme. Das vergangene Jahrzehnt hat gezeigt, dass auch erneuerbare Energien, Elektrofahrzeuge und moderne Recyclingindustrien in ihren frühen Entwicklungsphasen auf politische Unterstützung angewiesen waren, bevor sie kommerzielle Größenordnungen erreichen konnten.
Wie knüpft deine jetzige Tätigkeit bei SIX an deine Arbeit für den DVNE an? Welche Erkenntnisse und Erfahrungen nimmst du mit?
Die mehr als dreijährige Tätigkeit im Vorstand des DVNE bot mir die besondere Gelegenheit, mit Menschen aus allen Bereichen des CDR-Ökosystems zusammenzuarbeiten und sowohl die Fortschritte als auch die Herausforderungen des Sektors aus erster Hand kennenzulernen.
Diese Erfahrung hat meine Überzeugung gestärkt, dass der Hochlauf von CDR nicht nur eine Frage technologischer Innovation ist. Es geht ebenso darum, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Märkte effizient funktionieren und Kapital anziehen können.

Diese Erkenntnis ist für meine Arbeit bei SIX von großer Bedeutung. Seit Jahrzehnten trägt SIX zum Aufbau vertrauenswürdiger Finanzmärkte bei, indem das Unternehmen Infrastruktur, Standards und Dienstleistungen bereitstellt, die Marktteilnehmern verlässliche Transaktionen ermöglichen. Mit seinen Börsen in der Schweiz, Spanien und Großbritannien betreibt SIX den zweitgrößten Börsenverbund Europas.
SIX hat früh erkannt, dass CDR zunehmend nicht nur als Klimaschutzlösung relevant wird, sondern auch als potenzielle neue Anlageklasse, die das Interesse von Unternehmen, Investoren, Regierungen und Finanzinstituten weckt. Während Unternehmen und Staaten auf ihre Netto-Null-Ziele hinarbeiten, wird erwartet, dass die Nachfrage nach hochwertiger CO₂-Entnahme wächst. Dadurch entsteht ein Bedarf an vertrauenswürdiger Marktinfrastruktur, transparenter Preisbildung und effizientem Marktzugang.
Hier kann SIX eine wichtige Rolle spielen. Im Jahr 2024 hat SIX eine strategische Minderheitsbeteiligung an Carbonfuture erworben, einem Anbieter durchgängiger digitaler Infrastruktur für die Ausstellung von CO₂-Entnahme-Zertifikaten. Gemeinsam verfolgen wir das Ziel, die Entwicklung des CDR-Ökosystems zu unterstützen und die notwendige Infrastruktur dafür vorzubereiten, dass CO₂-Entnahme langfristig zu einem glaubwürdigen, skalierbaren und investierbaren Markt werden kann.
Ich möchte mich beim Vorstand, beim Team und bei allen Mitgliedern des DVNE für ihre harte Arbeit, ihren Einsatz und ihr Engagement für die Weiterentwicklung von CDR bedanken. Herzlichen Glückwunsch zu den bisherigen Fortschritten und Erfolgen. Ich freue mich darauf, zu sehen, wie der DVNE seine Wirkung weiter ausbaut und die Zukunft des Sektors mitgestaltet.
Vielen Dank, Lisa!
Wir danken Lisa herzlich für ihr Engagement, ihre Expertise und die Perspektiven, die sie in die Arbeit des DVNE eingebracht hat. Sie hat unseren Verband in einer wichtigen Phase seiner Entwicklung mitgeprägt. Für ihre neue Aufgabe bei SIX wünschen wir ihr viel Erfolg und freuen uns darauf, auch künftig mit ihr im Austausch zu bleiben.
Das gesamte DVNE-Team