
CDR-Politik: LNe und ANK 2.0 in Bewegung
19. August 2026
Auf die Langfriststrategie Negativemissionen (LNe) wartet die deutsche Carbon-Removal-Branche schon länger. Nun soll die Strategie wohl bis Ende September vom Bundeskabinett beschlossen werden. Gleichzeitig hat das Ministerium mit dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz 2.0 (ANK 2.0) ein zweites zentrales Vorhaben für CO₂-Entnahmen in die Verbändeanhörung gegeben.
Damit werden zwei wichtige politische Weichen für die beiden Säulen der CO₂-Entnahme in Deutschland gestellt. Während die LNe insbesondere den Rahmen für den Hochlauf neuartiger beziehungsweise technologischer CO₂-Entnahmen schaffen soll, adressiert das ANK 2.0 natürliche Kohlenstoffsenken wie Wälder, Moore und Böden. Deutschland braucht beides, um seine langfristigen Klimaziele zu erreichen. Wir erklären, was sich gerade bewegt – und was das für Carbon Dioxide Removal (CDR) in Deutschland bedeutet.
Langfriststrategie Negativemissionen: Lange erwartet, jetzt vor dem Abschluss
Die LNe ist das zentrale strategische Vorhaben der Bundesregierung für den Hochlauf neuartiger CO₂-Entnahmen. Ihre Erarbeitung begann bereits unter der vorherigen Bundesregierung. Im Februar 2024 wurde das sogenannte Eckpunktepapier vorgelegt. Die Strategie soll Rahmenbedingungen für einen effizienten, nachhaltigen und klimawirksamen Hochlauf von CO₂-Entnahmen schaffen. Dafür wurde unter anderem der zukünftige Bedarf anhand der erwarteten Restemissionen in Deutschland modelliert und verschiedene Entnahmeverfahren wurden wissenschaftlich bewertet.

Die Grundidee ist klar: Auf dem Weg zur Klimaneutralität hat die Reduktion von Treibhausgasemissionen oberste Priorität. Doch insbesondere in Industrie und Landwirtschaft werden auch langfristig Emissionen verbleiben, die nicht vollständig vermieden werden können. Um diese Restemissionen auszugleichen und nach 2050 netto-negative Emissionen zu erreichen, muss Deutschland zusätzlich CO₂ aus der Atmosphäre entfernen und langfristig speichern.
Nach dem Regierungswechsel wurde die Arbeit an der Strategie fortgesetzt. Die Deutsche Energie-Agentur (dena) unterstützt das BMUKN bei der Finalisierung der LNe und darüber hinaus bis 2029 beim Aufbau geeigneter Rahmenbedingungen für den Markthochlauf. Dazu gehören die Entwicklung von Förderinstrumenten, die Ausgestaltung des Rechtsrahmens und die Unterstützung beim Aufsetzen eines Investitionsförderprogramms für CO₂-Entnahmezertifikate. Jetzt kommt Bewegung rein: Bis Ende September 2026 soll die LNe wohl vom Kabinett beschlossen werden.
Der deutsche Markt wächst
Dass es bei der LNe längst nicht mehr nur um eine Strategie für die ferne Zukunft geht, zeigt eine aktuelle Marktanalyse der dena. Sie identifiziert rund 150 deutsche Unternehmen entlang der CDR-Wertschöpfungskette sowie 61 bestehende oder geplante Projekte in Deutschland. Die jährlichen (Vor-)Verkäufe deutscher CDR-Anbieter stiegen von rund 25.000 Tonnen im Jahr 2024 auf rund 197.000 Tonnen im Jahr 2025.
Deutsche Unternehmen können sich bereits in internationalen Ausschreibungen behaupten. Gleichzeitig ist der heimische Markt noch klein. Einige deutsche Anbieter entwickeln ihre Projekte im Ausland – unter anderem aufgrund günstigerer Energiepreise oder besserer regulatorischer Rahmenbedingungen. Damit wird die LNe auch industriepolitisch relevant: Deutschland verfügt über Unternehmen, Technologien und Know-how. Entscheidend ist nun, die Bedingungen zu schaffen, unter denen daraus hierzulande ein skalierbarer Markt entstehen kann.
Dafür braucht es neben klaren Regeln vor allem verlässliche Nachfrage und Finanzierung. Die Integration dauerhafter CO₂-Entnahmen in den europäischen Emissionshandel wird dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Die zweite Säule: ANK 2.0 für natürliche Senken
Parallel zur LNe bewegt sich nun auch bei der zweiten Säule der CO₂-Entnahme etwas. Anfang August hat das BMUKN den Entwurf für das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz 2.0 in die Verbändeanhörung gegeben.
Der Handlungsbedarf ist erheblich. Deutschland verfehlt seine Klimaziele im Landnutzungssektor (LULUCF) derzeit deutlich. Für 2030 wird eine Lücke von rund 50 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten gegenüber dem gesetzlichen Senkenziel erwartet. Viele Wälder haben durch Trockenheit, Hitze und Schädlingsbefall erheblich an Senkenleistung verloren. Entwässerte Moore verursachen gleichzeitig hohe Treibhausgasemissionen.
Mit dem ANK 2.0 will das BMUKN gegensteuern. Der Entwurf umfasst Maßnahmen unter anderem für Moore, Wälder, mineralische Böden, Küsten und Meere sowie den Holzproduktspeicher. Insgesamt sollen die vorgesehenen Maßnahmen eine zusätzliche Treibhausgaswirkung von 13,5 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten im Jahr 2030, 60 Millionen Tonnen 2040 und 77 Millionen Tonnen 2045 erreichen. Die bestehende Lücke würde damit kurzfristig noch nicht geschlossen, langfristig sollen die natürlichen Senken aber wieder deutlich gestärkt werden.
Besonders groß ist der Handlungsbedarf bei Mooren. Trockengelegte Moore verursachen heute erhebliche Treibhausgasemissionen. Mit dem ANK 2.0 soll ihre jährliche Treibhausgasbilanz bis 2030 um 2,5 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente und bis 2040 um 20 Millionen Tonnen verbessert werden. Förderprogramme sollen unter anderem Landwirtinnen und Landwirte beim Übergang von trockener Nutzung zu nassen Bewirtschaftungsformen unterstützen. Für den natürlichen Klimaschutz sind im Klima- und Transformationsfonds 2027 rund 1,1 Milliarden Euro vorgesehen.
Der Entwurf befindet sich aktuell in der Verbändeanhörung und kann sich entsprechend noch verändern. Auch politisch sind einzelne Maßnahmen umstritten – insbesondere dort, wo Klima- und Naturschutz mit bestehenden land- und forstwirtschaftlichen Nutzungen in Konflikt geraten.
Natürlicher Klimaschutz ist nicht automatisch CO₂-Entnahme
Für die Einordnung des ANK 2.0 ist aus Sicht des DVNE eine Unterscheidung besonders wichtig: Der Schutz eines bestehenden Kohlenstoffspeichers, die Vermeidung zusätzlicher Emissionen und die tatsächliche Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre sind nicht dasselbe.
Alle drei leisten einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Für negative Emissionen ist jedoch entscheidend, wie viel zusätzliches CO₂ tatsächlich aus der Atmosphäre aufgenommen und langfristig gespeichert wird. Der DVNE setzt sich deshalb dafür ein, die tatsächliche CO₂-Senkenleistung der geförderten Maßnahmen besser zu messen, zu bilanzieren und gezielt zu fördern.
Dazu gehört auch eine stärkere Verzahnung des ANK mit dem europäischen Carbon Removal and Carbon Farming Certification Framework (CRCF). Geförderte Maßnahmen sollten perspektivisch an europäische Standards für Quantifizierung, Monitoring, Zusätzlichkeit und Dauerhaftigkeit anschlussfähig sein. Gleichzeitig brauchen natürliche Kohlenstoffsenken langfristige Planungssicherheit: Waldumbau, Humusaufbau oder die Wiederherstellung von Mooren lassen sich nicht innerhalb einzelner kurzfristiger Förderperioden erreichen, sondern dauern Jahrzehnte.
„Für CDR-Akteure braucht es einen wirtschaftlichen Anreiz, CO₂ aus der Atmosphäre zu entnehmen und langfristig zu speichern. In der Carbon Removal-Branche gibt es eine harte Währung: die tatsächlich entnommene Tonne CO₂. Dieses Prinzip sollte auch im ANK stärker verankert werden, indem messbare natürliche CO₂-Entnahmen gezielt mit einem Preis versehen und gefördert werden.“
Nadine Saken-Walsh, Policy Managerin, DVNE
Beratungsangebot für natürlichen Klimaschutz
Das Kompetenzzentrum Natürlicher Klimaschutz (KNK) koordiniert seit Oktober 2023 die Beratung von Akteur:innen und dient als bundesweite Anlaufstelle für Fragen zu Maßnahmen und Fördermöglichkeiten. Es unterstützt bei der Entwicklung von Projekten. Mehr Informationen gibt es hier.
Technologisch und natürlich: Deutschland braucht beides
LNe und ANK 2.0 adressieren unterschiedliche Formen der CO₂-Entnahme, gehören klimapolitisch aber zusammen. Auch die dena kommt in ihrer Marktanalyse zu dem Schluss, dass natürliche und neuartige CO₂-Entnahmen komplementär entwickelt werden müssen. Keine der beiden Säulen kann die notwendige CO₂-Entnahme allein leisten.
Bei neuartigen Verfahren wie DACCS, BECCS, Pflanzenkohle oder beschleunigter Verwitterung geht es jetzt darum, aus Forschung, Pilotprojekten und ersten Verkäufen einen skalierbaren Markt zu entwickeln. Bei natürlichen Senken geht es darum, ihren Verlust zu stoppen, ihre Senkenleistung wieder aufzubauen und zusätzliche CO₂-Entnahmen verlässlich messbar zu machen.
Dabei gilt für beide Seiten dasselbe Prinzip: Emissionsminderung hat Priorität. CO₂-Entnahme ergänzt ambitionierten Klimaschutz, sie ersetzt ihn nicht.
Die nächsten Wochen werden entscheidend
Nach Jahren der Vorbereitung könnte die deutsche Politik für CO₂-Entnahme damit in eine neue Phase treten. Beim ANK 2.0 lief bis 20. August die Verbändeanhörung. Bei der Langfriststrategie Negativemissionen soll nach Angaben des BMUKN bis Ende September der Kabinettsbeschluss folgen.
Maßgeblich wird sein, was danach passiert. Aus der LNe muss ein verlässlicher Rahmen für den Markthochlauf neuartiger CO₂-Entnahmen entstehen. Das ANK 2.0 muss natürliche Senken langfristig stärken und ihre tatsächliche CO₂-Entnahme besser mess- und förderbar machen.